Blick auf die Nordsee - Reha-Klinik Utersum auf Föhr
Blick auf die Nordsee - Reha-Klinik Utersum auf Föhr

Hexenschuss

Ein knappes halbes Jahr Ahnungslosigkeit

Im April 2019 segnete mein Schwiegervater das Zeitliche, wenige Wochen nach seinem 94. Geburtstag. Im Mai war die Beisetzung, und seine Partnerin kehrte wenig später in ihr Schweizer Zuhause zurück. Unsere Welt hatte sich grundlegend verändert - nach zwanzig Jahren intensiver Konvivenz waren wir zum ersten Mal allein im Haus. Auch den Hunden war anzumerken, dass sie die Situation "falsch" fanden - selbst heute noch, über ein Jahr nach den Veränderungen, liegt Emmi gern dort, wo mein Schwiegervater seine letzten Stunden verbracht hat. Das ist rührend und uns mit Stolz erfüllend zugleich. Guter Hund, feines Tier!

 

Es war eine anstrengende Zeit. So viel Neues zu erledigen, zu klären, zu verstehen, Erbschaftsfragen, Existenzängste. Das alles neben der normalen Erwerbsarbeit. Und nicht zu vergessen: Trennung, Abschied, an jedem zurückgelassenen Gegenstand hängt eine Erinnerung, die ihren Raum beansprucht, die gewürdigt, die eingeordnet werden will. 

Im Wohnzimmer meines Schwiegervaters stand ein Ruhesessel, in dem ich hin und wieder zwischendurch ein kleines Schläfchen machte. Ich war so müde. Permanent erschöpft, schon lange. Im Büro war es schon fast zur täglichen Gewohnheit geworden, statt einem Mittagessen ein Mittagsschläfchen einzulegen. Ich war zunehmend nicht mehr in der Lage, wie gewohnt zu arbeiten, was mich natürlich noch mehr stresste. Es musste etwas geschehen! Der Gedanke, eine Reha wegen Burnout zu beantragen, nahm immer konkretere Gestalt an. Anfang September habe ich dann den Antrag eingereicht. Doch so weit sind wir noch nicht.

 

Eines Nachmittags Anfang Juni wollte ich mich aus dem Ruhesessel erheben und spürte einen Stich im unteren Rücken. Mist. Jetzt also auch noch ein Hexenschuss! Ich habe mir nicht viel dabei gedacht, außer "wird schon wieder weggehen". Ich bin kein wehleidiger Mensch, meine Schmerzgrenze ist relativ hoch. Es dauert, bevor ich ärztlichen Rat suche. Zumindest in körperlichen Fragen. Und es gab so viel zu tun!

Im Laufe der nächsten fünf Monate gingen die Schmerzen nicht weg, im Gegenteil. Sie nahmen zu, zogen in mein rechtes Bein, an erholsamen Schlaf war irgendwann nicht mehr zu denken. Eine falsche Bewegung beim Gehen konnte plötzliche, mörderische Stiche verursachen und mich teilweise zum Aufschreien bringen. Längeres Sitzen war kaum noch möglich. Wohl eher kein Hexenschuss, dachte ich, also doch ein Bandscheibenvorfall. Unsportlich wie ich war, schien mir das das Naheliegendste zu sein. Bevor das noch schlimmer würde, sollte ich vielleicht doch mal zum Orthopäden. Am 25. September hörte der sich an, was ich zu berichten hatte, und überwies mich vorsorglich zum MRT. Ich bekam hierfür einen Termin am 24. Oktober, frühmorgens um 06:45 Uhr! Und das auch nur, weil jemand abgesagt hatte. Sonst wäre erst im März etwas frei gewesen. Der Folgetermin beim Orthopäden zur Besprechung des Ergebnisses wurde auch gleich festgelegt, 30.10. Dieser Termin wurde später um zwei Tage auf den 28.10. vorverlegt, weil ich die Schmerzen einfach nicht mehr aushielt bzw. aushalten wollte. Ich konnte nicht mehr.

Unabhängig davon ging ich zu meinem regulären, alle zwei Jahre stattfindenden Termin im Rahmen des Mammographie-Screenings. An eine Verbindung mit meinen Rückenschmerzen habe ich dabei überhaupt nicht gedacht - warum auch? Ich bin "familiär vorbelastet", gehe daher regelmäßig zur Krebsvorsorge, die jährliche Untersuchung im Januar hatte nichts Beunruhigendes ergeben. Alles schick, genau wie in den Jahren davor. Doch die Mammographie ergab einen "unklaren Befund", ich bekam eine Einladung zur Nachuntersuchung am 30. Oktober.

Am 28.10. erläuterte mir der Orthopäde, dass der MRT-Befund darauf hindeute, dass es sich um eine ernste Erkrankung - möglicherweise, mit aller gebotenen Vorsicht: Krebs - handeln könne, die sich in mehreren Rückenwirbeln manifestiere. Er verwies mich an eine Onkologin zur weiteren Abklärung, jedoch stellte sich am selben Tag noch heraus, dass diese Ärztin keine Kassenpatient*innen mehr behandelt. Also versuchte ich, eine geeignete Praxis zu finden. Auf Drängen meines Mannes gingen wir am Nachmittag zusätzlich noch zu unserem langjährigen Familienarzt, der sichtlich schockiert auf den Befund reagierte und sofort dafür sorgte, dass ich einen Termin am 30.10. frühmorgens bei meinem jetzigen Onkologen bekam. Ich muss sagen, alles in allem fühlte und fühle ich mich sehr gut aufgehoben bei allen beteiligten Ärzt*innen, überall wurde und werde ich mit Empathie und größtmöglicher Klarheit behandelt, kann alles fragen, was mir in den Sinn kommt (mein Mann auch - er ist wenn möglich immer dabei), selbst wenn ich dieselbe Frage schon mal gestellt und beantwortet bekommen habe oder irgendwo nachlesen könnte. Ich vertraue ihnen voll und ganz.

Dann wurde die Abklärung der Grunderkrankung in Angriff genommen. Was ist und wo sitzt die Quelle der Knochen-Metastasen? Meine Gynäkologin kam zum Einsatz, der Onkologe lernte mich kennen, die Mammographie-Nachuntersuchung fand statt inklusive Biopsie (starker Verdacht auf Brustkrebs, zwei Herde in der rechten Brust), ein CT mit Kontrastmittel wurde veranlasst, eine Knochenszintigraphie gemacht. Das alles innerhalb von anderthalb Wochen. Dann stand auch schon das Behandlungsprogramm: Chemo- und Antikörper-Therapie. Und Schmerzmittel, hurra! Am 18.11. bekam ich den Port (ein Portkatheter) implantiert - für mich die einzig denkbare Option, da in mir allein bei dem Gedanken, dass mir jedes Mal auf's Neue ein Zugang in die Armbeuge gelegt werden würde, Panik aufstieg. Ich mag es nicht, gepiekt zu werden. Diesen Schritt habe ich nicht bereut.

Seit dem 24. Oktober 2019 bin ich arbeitsunfähig geschrieben. Meine Kolleginnen und Kollegen, meine Arbeit an der Uni fehlen mir sehr. Zwischendurch hatte ich mit der Idee geliebäugelt, zumindest teilweise an den Schreibtisch zurückzukehren - ich vermisste mein Büro, meine "Arbeitshöhle", den Kontakt mit anderen. Im Grunde war es die Sehnsucht nach der Rückkehr ins "normale Leben". Doch dem haben Covid-19 und die damals noch ausstehende Reha einen Riegel vorgeschoben. Ich hätte sowieso nicht ins Büro gedurft. Als Angehörige der Risikogruppe wäre ich auf Home Office beschränkt gewesen - mein größter Wunsch, nämlich der nach dem Miteinander am Arbeitsplatz, hätte sich gar nicht erfüllen lassen. Und wie so ein Wiedereinstieg überhaupt aussehen könnte, davon habe ich bis heute keine konkrete Vorstellung. Dieses "das Leben nach einem Schicksalsschlag neu sortieren", von dem immer wieder auch im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung zu hören ist, ist eine sehr seltsame Aufgabe - es gibt kein fertiges Muster, dem diese Neuordnung folgen könnte, es ist immer sehr, sehr individuell. Die Reha habe ich Ende November/ Anfang Dezember 2020 auf Föhr absolviert, in der Klinik in Utersum, wenige Schritte vom Nordseestrand entfernt. Ein Ergebnis meines Aufenthalts ist unter anderem, dass ich zu Hause die professionelle Unterstützung durch einen Psychoonkologen in Anspruch nehmen werde. Denn alleine werde ich diese Herausforderung schwerlich meistern können, ich brauche die Unterstützung einer unabhängigen Person, die mir beim Sortieren und Neuorientieren hilft.

Meine Familie, Freundinnen und Freunde habe ich so gut wie von Anfang an durch "Updates" in den Verlauf meiner Krankheit einbezogen. So muss ich nicht dasselbe x Mal wiederholen, und niemand muss nachfragen, um mich in Gedanken begleiten zu können. Auch wenn sich natürlich viele "außer der Reihe" melden, was heutzutage dank moderner Kommunikationstechniken überhaupt kein Problem mehr ist.

Die einzelnen Aktualisierungen habe ich hier auf meine Webseite kopiert. Vielleicht interessiert es ja die eine oder den anderen, nachzulesen, was mir so im Kopf herumgeht - jetzt, wo ich weiß, dass ich eine chronische Krankheit habe, die zwar beherrschbar, aber nicht heilbar ist.

Ich habe Krebs

06.11.2019

Wir waren gerade bei der Ärztin im Mammographie-Screening-Center zum Gespräch über das Biopsie-Ergebnis. Es ist alles bestätigt - schnell wachsender Tumor, streufreudig, OP und anschließende Bestrahlung oder Chemo unausweichlich. Am Mittwoch ist der Termin mit dem Onkologen, der mich quasi “auf links drehen” und weitere Untersuchungen als Grundlage für die Behandlung veranlassen wird. Dass ich Knochenmetastasen habe ist richtig fies, ABER heutzutage gut behandelbar und KEIN Todesurteil, beileibe nicht. Im Grunde geht es mir gut - je mehr ich erfahre, um so klarer und handhabbarer wird die Lage. Alles wird gut, wie immer

18.11.2019

So! Port ist implantiert, Frühstück (eigentlich Spätstück) habe ich bekommen - lecker Franzbrötchen, ein Himbeerjoghurt und Kaffee, der so gut war, dass ich noch ‘ne zweite Tasse haben musste!! Und jetzt kommt noch 1x röntgen zur Kontrolle.

 

Es geht mir gut. Ich mag es ja - im Gegensatz zu vielen - im Krankenhaus zu sein. Alle kümmern sich um mich und sind lieb und nett und auf mein Wohl bedacht. Wie zu Hause!! 

21.11.2019

Die erste Behandlung ist überstanden. Es geht mir ganz gut. Bis auf ein bisschen Kopfweh, das sich hoffentlich bald verflüchtigt. Ich muss mich korrigieren: Heute habe ich nicht die erste Chemo bekommen, das hatte ich falsch verstanden. Heute war das erste mal die Antikörper-Behandlung dran. Das ging alles ganz prima über den Port. Jetzt ruhe ich hauptsächlich und lasse das Medikament wirken.

25.11.2019

Gesundheitlich geht es mir ganz gut. Nach einer anstrengenden Nacht von Freitag auf Samstag konnte ich in der Nacht auf den Sonntag sehr gut schlafen. Nur das Gehen fällt mir schwer, wenn es längere Strecken sind. Aber wir haben ja keine Eile, so dass ich öfter verschnaufen bzw. der rechten Hüfte/ dem rechten Bein eine kleine Pause gönnen kann.

Freitagnacht war vermutlich "Highlife in Tüten" in meinem Immunsystem. Die Lymphknoten hinter meinem linken Ohr waren geschwollen und taten schrecklich weh. Das Kühlen mit einem feuchten Waschlappen hat mir da große Linderung verschafft.

Ich stelle mir das so vor: die Antikörper waren ja nun überall unterwegs und haben fleißig Krebszellen markiert, sie sozusagen "ans Licht geholt". Bisher hatten sie sich gut unsichtbar machen können. Ist schon faszinierend: Krebszellen können sich "verkleiden", camouflieren, und auch sich immer wieder anpassen. Ein bisschen wie Versteck spielen... wären sie nicht so schädlich, wäre es eigentlich eine bewundernswerte Sache!

Das hat natürlich mein Immunsystem alarmiert, das die Abwehr mobilisiert hat. Und zwar heftigst! Die erste Welle ist jetzt hoffentlich durch. Und ich bin "gespannt", was die erste Chemo mit mir macht... am 28.11., um 12:20 Uhr geht es los.

29.11.2019

Es hat sich herausgestellt, dass das gestern bereits die zweite Chemo war, die Abfolge hatte ich noch gar nicht richtig verstanden. Es ist aber auch ein komplexes Thema und ich bin medizinisch absolute Laiin.

Am 21.11. habe ich also Antikörper- UND Chemo-Behandlung bekommen. Und gestern, 28.11., "nur" Chemo. Merke: Ein Zyklus = Antikörper & Chemo, eine Woche später Chemo... Dann zwei Wochen Pause und wieder von vorn...

Tja... Ich weiß ja, dass ich da durch muss, nützt ja nix. Aber schön ist es natürlich nicht!

Heute ist mir ein bisschen schlecht; ich bin durch und durch müde, kann aber nicht schlafen; die Schmerzen im unteren Rücken sind hartnäckig, die Schmerzmittel-Dosis wurde erhöht... und der Geschmackssinn verändert sich bereits. Zwiebeln vertrage ich anscheinend nicht mehr, dabei mag ich Zwiebeln gerne. *seufz* Was sich wohl noch aus meinem Nahrungsspektrum verabschieden wird? Hoffentlich nie die Currywurst von Schorsch! Scharf!!

Meine Schwester kommt nächste Woche Donnerstag und geht am 12.12. mit zur nächsten Behandlung. Am 16.12. fliegt sie schon wieder zurück nach Kalifornien, in Amerika gibt es ja viel weniger Urlaub als in Deutschland - wir sind mit unseren sechs Wochen ganz schön privilegiert. Die Reise war lange vor meiner Diagnose geplant und passt jetzt natürlich ganz wunderbar.

Nun liege ich unter einer gemütlichen Kuscheldecke auf dem Sofa, Coco hat sich zu meinen Füßen niedergelassen und wärmt mich. Süße kleine Motte, aber (!) auch ein durchtriebener kleiner Hund... sie hat es faustdick hinter den Ohren. Emmi liegt in ihrem Körbchen, alles ist friedlich. Mein Mann ist mir nah - mir geht es wirklich gut (wenn die Krankheit nicht wäre).

09.12.2019

Meine ecuatorianische Tante Mercedes, genannt Michita, ist heute gestorben. Ich habe sie sehr lieb gehabt und bin sehr, sehr traurig.

10.12.2019

Heute bin bzw. war ich gemischter Stimmung (ich sehe gerade, dass "heute" seit 33 Minuten "gestern" ist - ich spreche also von Dienstag!). Wir waren gerade mit Freunden im Kino und haben "Le Mans 66" gekuckt - toller Film, sehr packend und kurzweilig. Ich musste ein bisschen weinen - weil ich sowieso im Moment nah am Wasser gebaut bin und weil ich mich so an meine Kindheit erinnert gefühlt habe. Als ich noch in Deutschland wohnte. Mein Vater stellte mir (zweimal, meine ich zu erinnern) in Aussicht, mit nach Le Mans zu dürfen, und dann wurde es jedes Mal doch nichts. Ich war immer sehr enttäuscht. Und heute bei diesem Film fühlte ich mich in diese zeit zurückversetzt, als meine Kinderwelt noch in Ordnung war. Eine der Hauptfiguren des Films, der Rennfahrer Ken Miles, hat einen Sohn ungefähr in dem Alter, in dem ich Anfang der Siebziger gewesen sein muss. Ich habe meinen Vater damals auch vergöttert. Mit ihm im Auto unterwegs zu sein war abenteuerlich. Überhaupt, sein ganzes Leben kam mir sehr abenteuerlich vor. In Le Mans wäre ich in den Pits dabei gewesen. Hautnah am Geschehen. Wie ich meinen Vater kenne, hätte er mit mir eine Runde auf der Rennstrecke gedreht. Dieses Motorengeräusch treibt mir die Tränen in die Augen. Und das Gefühl, dass ich damals dieser Junge war. Ich war der Sohn, den mein Vater immer haben wollte. Bis ich zwölf Jahre alt war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gesundheitlich schleppe ich mich gerade etwas durch die Tage. Ich bin unruhig, unentschlossen, und auch noch ein bisschen geschockt: es ist wohl zwar üblich, bei Krankheitsbildern wie meinem gleich den höchsten Grad zu vergeben, aber am Samstag ist der Schwerbehinderungs-Feststellungsbescheid gekommen: 100. Mehr geht nicht. Ich weiß, wie sehr andere darum kämpfen (müssen), so einen hohen Grad anerkannt zu bekommen. Auch Menschen, die es meiner Meinung nach klar nötig hätten. Und ich... schwuppdiwupp. Und natürlich ist es ein Gradmesser für die Schwere meiner Erkrankung. Schon schockierend! Es ist einfach so: ich habe noch kein Gefühl für meine Krankheit. Also, für die Krankheit schon. Aber nicht für ihre Schwere. 

Und ich brauche eine neue Routine. Die Erwerbsarbeit fällt erstmal weg. Ich muss frühstücken. Regelmäßig essen. Gesund essen. Viel trinken, weniger Kaffee... mich bewegen, Übungen zur Stärkung meiner Knochen machen. Die Hunde zuverlässig versorgen. Nicht verzweifeln und natürlich einen (neuen) Sinn finden. Alles nicht schlimm, aber natürlich herausfordernd und kräftezehrend. Was ist gut, was wäre Quatsch, wie kann/ soll mein zukünftiges Leben aussehen? So viel Umbruch... das betrifft ja nicht nur mich, sondern auch Nikolaus. Am schlimmsten ist momentan, gegen dieses "du müsstest eigentlich dies und das tun, gib's zu, du bist faul"-Teufelchen in mir ankämpfen zu müssen. Alle sagen mir, dass es Quatsch ist. Dass ich nicht faul bin. Dass das jetzt einfach so ist. Ich nicht viel machen kann. Die Erschöpfung normal ist. Und trotzdem... der Stachel sitzt tief. Mir wurde in meiner Jugend oft vorgeworfen, ich sei faul. Faul und gleichgültig. Was überhaupt nicht stimmte. Ich denke, mein Bedürfnis nach Ruhe und die Sehnsucht danach, dass sich jemand um mich kümmert statt ich mich um andere, stammen aus dieser Zeit. 

Am Montag waren wir bei einem Beratungsgespräch bei der Gesellschaft für biologische Krebsabwehr e.v. Anderthalb Stunden Zeit hat sich die Beraterin für uns genommen, es war richtig gut, sehr informativ. Eine gute Entscheidung, dort hingegangen zu sein - es gibt so einiges, was ich neben der schulmedizinischen Behandlung, die ich nicht in Frage stelle, zur Unterstützung meiner Gesundung tun kann.

16.12.2019

Dass ich jetzt immer so früh müde bin, irritiert mich dann doch... als alte Eule bin ich das zeitige Zubettgehen gar nicht gewöhnt!

Heute war ein guter Tag. Nachdem ich Freitag und Samstag bleich und schläfrig verbracht habe, war der Sonntag wieder halbwegs okay und heute konnte ich sogar schmerzfrei gehen, hurra!

Die Antikörper-/Chemo-Ladung letzten Donnerstag habe ich anscheinend ganz gut weggesteckt, es gab (außer der Blässe und der Abgeschlagenheit) keine nennenswerten Nebenwirkungen. Ob die Schmerzfreiheit schon damit zu tun hat?

Ich stelle mir das jedenfalls so vor - es könnte natürlich auch an der erneut erhöhten Schmerzmitteldosis liegen. Aber ich bevorzuge die „Juchhu! es wirkt!“-Annahme, zugegeben! Morgen habe ich einen Termin bei meiner Hautärztin. Meine Haut ist trocken geworden (normalerweise nicht mein Problem), schuppt und juckt. Zu allem Überfluss bekomme ich auch noch überall fiese Pickelchen! Die Nebenwirkungs-Managerin (die gibt es tatsächlich!) meinte, das sei keine typische Nebenwirkung meiner Behandlung. Also muss die Hautärztin ran.

Sowas füllt dann einen ganzen Tag aus. Aufstehen, Hunde füttern (dabei fällt mir ein, ich muss einen Beutel Hundefutter rauslegen, dass er morgen aufgetaut ist!), frühstücken, Pillen einwerfen. zur Praxis fahren (geht super mit der U-Bahn), durchchecken lassen, zurückfahren. erschöpft in den Liegesessel werfen. schlafen. Was ich, nebenbei bemerkt, jetzt tun werde. Bin hundemüde!

20.12.2019

Ich bin ein bisschen deprimiert. gestern habe ich zum vierten mal Chemo erhalten, und zusätzlich eine neue Substanz, die dem Knochen helfen soll, sich zu erholen. Sie heißt Bisphosphonat und fördert das Wachstum der Knochensubstanz. Sie hat einige mittelschwere Nebenwirkungen, wie vermehrte Knochenbildung im Kiefer - ich hoffe, dass ich das nicht durchmachen muss! Ich fühle mich ein bisschen schwach, als hätte ich die Grippe, und der Tinnitus in meinem linken Ohr spielt auf zum Tanz. Laut Hautärztin ist der Juckreiz auf meiner Haut darauf zurückzuführen, dass sie so trocken ist. Ich muss mich also nur daran gewöhnen, sie regelmäßig einzucremen (was ich gar nicht mag). Und grundsätzlich abwarten, bis sich mein Stoffwechsel an so viele neue Chemikalien gewöhnt hat. Neben dem, was ich gegen Krebs einnehme, sind da ja noch drei verschiedene Schmerzmittel plus die Pillen gegen Übelkeit. Vor dem Krebs habe ich nur selten Tabletten genommen, höchstens ein Aspirin, wenn ich - was selten vorkam - Kopfschmerzen hatte, und mein Sertralin gegen die Depression. Und jetzt schmeiße ich plötzlich ungewöhnlich viel Medikamente ein. Da ist es keine große Überraschung, dass sogar meine Haut darauf reagiert!

Heute war ein Tag des Leidens... als ich in der Küche aufräumte, fiel mir eine unserer superschweren Pfannen runter und zwar mit wundersamer Zielgenauigkeit genau auf den Nagel meines großen linken Zehs! Wären die Schmerzen nicht so unerträglich, dann wäre dies der richtige Zeitpunkt für einen blöden Scherz über das (politisch) links sein... es macht keinen Spaß! Mein armer, zermatschter Zeh pocht... ich kühle ihn mit einem dieser Eis-Pads, die man in die Gefriertruhe legt, um den Schmerz zu lindern. Hoffentlich schwillt er nicht allzu sehr an... AU-A!! Warum trifft dieses Selbstmitleid immer nur mich, hm?!

Und bei all dem bin ich immer noch besorgt, weil so viel zu tun ist, das lässt mir keine Ruhe. Ich bin müde, ich will schlafen, dem Schmerz im Traum entfliehen, aber nein! Es ist, als ob ein kleiner Engel und ein kleiner Teufel an entgegengesetzten Seiten an mir ziehen und zerren... "geh ins Bett", sagt das eine, "im Inneren deines Körpers arbeiten deine Zellen bereits auf Hochtouren, das langt!" "Aber was würde es dich schon groß kosten, zu staubsaugen / Staub zu wischen / die Waschmaschine zu beladen / Kleidung aufzuhängen / Kleidung zusammenzufalten und wegzulegen / auf dem Trimmfahrrad zu trainieren / dein Zimmer aufzuräumen / Weihnachtskarten zu schreiben / Rechnungen abzuheften / Weihnachtsgeschenke zu verpacken / mit den Hunden rauszugehen / die Hunde zu bürsten, besonders Emmi mit ihrer dicken Matte / die Küchenschränke umzuorganisieren / das Weihnachtsmenü zu wählen" und und und und... Gerade dieser kleine Teufel hat eine laaaaaange Liste von zu erledigenden Aufgaben, und er kann ganz schön lästig sein! Allein der Gedanke an all das, was ich tun könnte, lässt mich erschöpft abwinken... ("na also! Warum hörst du dann nicht auf zu jammern und fängst einfach an, etwas zu tun?" flüstert er. "Weil ich genau das tun wollte, als mir die verdammte Sch...pfanne entglitten ist!", antworte ich...). Abgesehen davon denke ich, dass ich mit der gestrigen Chemo relativ gut klar komme. Jetzt pausiert meine Behandlung, bis ich aus Quito zurück bin (da fahre ich nämlich hin, hurra! Am 08.01. geht’s los, am 21.01. zurück).

Einschub: Das A und O

Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb.

Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

"Wer bist du?" fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. "Ich... ich bin die Traurigkeit", flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.

"Ach, die Traurigkeit", rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen. "Kennst du mich denn", fragte die Traurigkeit misstrauisch. "Natürlich kenne ich dich", antwortete die alte Frau, "immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."

"Ja, aber..." argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?"

"Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, du siehst - verzeih diese absurde Feststellung - du siehst so traurig aus?"

"Ich... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. "So, traurig bist du", wiederholte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?"

Die Traurigkeit seufzte tief auf. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie vergebens versucht und... "Ach, weißt du", begann sie zögernd und tief verwundert, "es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen."

"Da hast du sicher Recht", warf die alte Frau ein. "Aber erzähle mir ein wenig davon." Die Traurigkeit fuhr fort: "Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll. Sie sagen "Papperlapapp - das Leben ist heiter", und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot. Sie sagen "Gelobt sei, was hart macht", und dann haben sie Herzschmerzen. Sie sagen "Man muss sich nur zusammenreißen" und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen "Weinen ist nur für Schwächlinge", und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht spüren müssen."

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet. Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?" Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Ja, das will ich", sagte sie schlicht, "aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen.

Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich. Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.

Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit." Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.

Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in den Arm. "Wie weich und sanft sie sich anfühlt", dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hatte aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin. "Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?"

"Ich", antwortete die kleine alte Frau und lächelte still. "Ich bin die Hoffnung!"

(Autorin: Inge Wuthe, Köln)

31.12.2019

Letzter Tag des Jahres. Das Wetter ist schön, klarer hellblauer Himmel, Sonne, es ist angenehm kalt. Ich darf gar nicht sagen, was ich gern mit all jenen täte, die seit Tagen schon knallen und böllern... Heute morgen bereits kurz vor sieben. SIEBEN Uhr MORGENS. So, als würde jemand nur darauf warten, dass irgendwo ein Hund aus einem Haus tritt in der Absicht, endlich mal wieder zu pinkeln oder gar Kot abzusetzen. KAWUMM! Und das arme Tier vergisst sein Bedürfnis, dreht um und verkriecht sich in irgendeiner Ecke. Wie lustig. Ha. Ha. Ha.

Diese Unfähigkeit der Politik auf so vielen Ebenen, Schwächere zu schützen, kotzt mich an. Macht mich krank. Unfähig, den Menschen von klein auf beizubringen, was Rcksicht heißt. Ich kaufe ein „ü“!! Rücksicht! Konstituierend für jede auf Dauer funktionierende Gesellschaft. Wobei, krank macht mich meine Unfähigkeit, das alles einfach zu ignorieren. 

Heute ist kein guter Tag. Also, er fängt doof an. Dabei gab es beim Frühstück - eigentlich ein Spätstück, weil erst um zehn - eine schöne Überraschung! Ein Päckchen aus Amsterdam, von meiner Freundin Barbara und ihrer Familie, mit köstlichen selbstgebackenen Plätzchen. Sogar welche mit Schachbrett- und welchen die aussehen, als hätten sie ein Ying-&-Yang-Muster. Lecker. 

Ich verkrieche mich wieder ins Bett und schaue aus dem Fenster auf das schöne Wetter. „Eigentlich“... eigentlich müsste ich dies, eigentlich müsste ich jenes... eigentlich möchte ich mich nur hinlegen und alles ausblenden. Heute früh war meine linke Hand taub. Sie kribbelte wie eingeschlafen, die ganze Hand. Eine der möglichen Nebenwirkungen, aus den langen Listen auf den Beipackzetteln. Mein gequetschter Zeh erholt sich gut, wenigstens das scheint halbwegs glimpflich zu enden. Er ist noch etwas empfindlich, aber Heparin- und Propolis-Salbe leisten ausgezeichnete Dienste. Den Tipp mit dem Heparin habe ich von meiner "Stief-Schwiegermutter", selber hätte ich nicht gewusst, dass das bei Prellungen gut ist. Wie gut, eine Krankenschwester im Haus zu haben!

Ich bin niedergeschlagen. Depression und Krebs, das ist eine anstrengende Kombination. Beides für sich genommen ist ja schon Mist. Heute ist kein guter Tag. Vielleicht wird er ja noch was, aber jetzt gerade bin ich in einer ganz blöden Stimmung. Alles Mist. Nichts funktioniert. Alles muss ich selber machen, aus mir heraus verändern. Alles muss neu, anders, besser, gesünder. Und die Hunde wollen auch nicht bei mir liegen, dabei sollen die doch angeblich so ein gutes Gespür dafür haben, wenn sie gebraucht werden... ich fühle mich überfordert. Genug gejammert. Jetzt ziehe ich mir dir Decke über den Kopf und gebe mir ein Stündchen Auszeit!

08.01.2020

Hallo in die Runde! Ich schreibe euch diesmal von “über den Wolken” aus dem KLM-Cityhopper, der mich gerade nach Amsterdam bringt. Dort habe ich knapp drei Stunden Aufenthalt und dann geht es weiter nach Quito. Ich fühle mich wie ein Kind am Vorabend von Weihnachten! Zwar ist der eigentliche Anlass ein trauriger - der Tod meiner lieben Tante Michita, einer Seele von Mensch. Und es sind noch zwei Todesfälle dazugekommen - die Mutter einer engen Schulfreundin und einer meiner Onkel, dessen späte Krebsdiagnose alle kalt erwischt hat. Das wird alles sehr traurig, davor fürchte ich mich ein bisschen, aber jetzt ist es natürlich eine schöne Sache, Zeit beispielsweise mit meinen Nichten verbringen zu können. Auch gesundheitlich ist es eine Herausforderung! Natürlich habe ich grünes Licht vom Onkologen, genug Medikamente sind auch im Gepäck, Betäubungsmittel-, Port- und Impfausweis parat, was soll schon schiefgehen?! Ich werde berichten.

Auf dem langen Flug nach Quito werde ich es gemütlich haben - ich fliege nämlich, tadaaa!, Business Class. Außerhalb der Saison geht das preislich noch, ich habe da ein kleines Zeitfenster erwischt und konnte nicht widerstehen! Ich werde meinen breiten Sitz in ein richtiges Bett umwandeln können, koninkljik speisen und... schlafen. Ich werde einfach schlafen! (Na ja, vielleicht läuft auch “Ad Astra”, dann kucke ich den natürlich. Er wurde zwar von der Kritik zerrissen, aber darauf darf mensch nix geben). Bei meiner letzten Reise habe ich es bereut, das Upgrade auf Business nur für den Hinflug gemacht zu haben. Diesmal wusste ich es besser!! Der Transportservice am Flughafen klappt 1A, ich sitze schon auf dem Wägelchen und warte auf meine Mitfahrerin.

Die KLM-Flugbegleiterinnen haben mich zu der Überzeugung kommen lassen, dass die Amazonen Niederländerinnen gewesen sein müssen!! So viele große, starke, auf eine angenehme Art stolze Frauen habe ich lange nicht auf einem Fleck erlebt. Ich bin beeindruckt! So!! Es geht los! Ab in die Business Lounge!

Canelazo & Empanada de Viento
Canelazo & Empanada de Viento

10.01.2020

Ich habe gar keine Zeit, mich krank zu fühlen - es ist immer was zu tun und ich fühle mich hier in der Höhe sehr wohl. Schmerzen habe ich keine - die gute Laune und die Schmerzmittel wirken ganz prima. Nach zwei Tagen Hiersein sehe ich zum Glück auch nicht mehr so erschöpft aus. Heute bekomme ich auf Empfehlung einer guten Freundin eine Behandlung, auf die ich sehr gespannt bin. Ich kann noch gar nicht viel darüber sagen, denn ich weiß selber noch nicht genau, was der Therapeut mit mir machen wird. Auf jeden Fall etwas auf psychologischer Ebene, einnehmen muss ich nix (wär’ mir auch nicht recht). Das Einzige, was ich schon in meine Ernährung integriert habe, ist das Sacha Inchi-Öl (sprich: Satschah-Intschie), das mir mein Vater empfohlen hat. Ich muss noch nachschauen, was genau das für eine Nuss ist, aus der es gewonnen wird. Schmeckt nicht schlecht, ist jetzt auch nicht besonders lecker, aber na ja... Kurkuma ist ja auch nicht mein Lieblingsgewürz, und trotzdem achte ich darauf, es zu mir zu nehmen.

Wenn ich mich hier so umschaue, dann wünsche ich mir ein Dimensionstor oder sowas ähnliches, damit ich nach Hamburg zur Behandlung kann - sagen wir mal, maximal eine halbe Stunde Fußweg durch einen Tunnel -, und wenn ich damit durch bin, dann komme ich hierher, in die sonnige, wohlige Wärme Quitos.

So! Ein paar Stunden sind vergangen, aus den veranschlagten zwei waren drei geworden - alter Falter, bin ich alle! Jetzt tut ein ein schönes Mittagessen not, um wieder zu Kräften zu kommen.

 

12.01.20

Göttin, war ich geschafft! Meine Verabredung für den Freitagabend musste ich absagen, das wäre zu viel für mich gewesen. Meine Cousine und ich sind nach meinem Termin beim Heiler in einem Restaurant mit typisch ecuatorianischer Küche gewesen, wo wir beide eine köstliche Kartoffelsuppe mit Käse und Avocado, einen sog. „Locro de Queso“ (sprich: Lockro de Kesso) und meine geliebte Fritada hatten. Fritada ist ein Gericht aus geröstetem Schweinefleisch, knusprig und salzig, mit krossen Speck- und Schwartenstückchen, gedämpftem weißen Mais, Avocado, gebratener Banane und marinierter, hauchfein geschnittener roter Zwiebel mit Tomatenstückchen und Petersilie. LECKER. Hätten wir bloß auf die Suppe vorher verzichtet... wir mussten uns beide die Reste einpacken lassen...

Im Anschluss kam dann das Friedhofs-Hopping... zuerst waren wir bei meiner Oma väterlichseits, wo der Holzwurm das Sitzbänkchen zerlegt hat. Jetzt kommt eins aus unbehauenem Stein hin, das ist nahezu unverwüstlich. Dann habe ich noch ein bisschen Verwaltungskram geregelt und meine Freundin gesprochen, die in der Verwaltung arbeitet. Es ist so schön, überall herzlich-liebevoll empfangen zu werden, hier kann ich emotional aus dem Vollen schöpfen und auftanken. Wenn ich an der Reihe bin, dann möchte ich auch hier liegen. Mit Blick auf den Pichincha.

Dann sind wir weiter zum alten Friedhof “El Batán”, auf dem teilweise schon hohe Gebäude mit tausenden von Urnengräbern über den ursprünglichen Feldern hinzugefügt wurden. Neuerdings, also erst seit ein paar Jahren, gibt es auch einen Bereich mit “Resten” - wenn das Grab abgelaufen ist, kann man ein kleines Täfelchen auf einem Terrassenfeld kaufen, unter dem dann eben jene “Reste” liegen. Was das wohl ist? Eine Bodenprobe aus Sargtiefe? Ein Löffelchen Asche aus der eigentlichen Urne? Das müsste ich mal in Erfahrung bringen... finde ich auf jeden Fall interessant. Meine Tante werde ich nochmal besuchen, es war ein bisschen viel an diesem Tag. Schließlich geht alles langsamer als gewohnt vonstatten, und die brennende Sonne ist auch nicht ohne. Mir fallen immer mehr Menschen auf, die ihren Regen- in einen Sonnenschirm umfunktioniert haben. Aus gutem Grund! Um die Mittagszeit herum fühlt es sich teilweise so an, als ob die Sonne zubeißen würde, richtig krass. Ich muss mir noch Sonnenschutzcreme besorgen, denn die habe ich vergessen - und das Problem auch ehrlich gesagt unterschätzt. Ich hier mit meiner sonnenentwöhnten Mehlwurmhaut...

Gestern, also am 11.01., war ich vormittags im Club. Mir geht’s hier sooooo gut! Ich war schwimmen, in der Sauna und im türkischen Bad, habe es mir einfach gut gehen und mich von der Morgensonne durchwärmen lassen. Einen leichten Sonnenbrand habe ich mir allerdings auch eingefangen... wie gesagt, mit dieser Intensität habe ich naiverweise nicht gerechnet. Ecuador macht gerade eine Hitzewelle durch, an der Küste sind es teilweise vierzig Grad (der reinste Horror für mich) und zwischendurch regnet es sintflutartig. Da bleibe ich doch lieber hier in den Bergen. Außerdem gibt es hier oben weniger fieses Ungeziefer als am Meer oder im Urwald. Feuchte Hitze ist rundum nicht meins.

Später sind wir - mein Bruder, meine Schwägerin und meine beiden Nichten - nach Tumbaco gefahren, das liegt ungefähr eine Dreiviertelstunde von Quito entfernt. Wobei sich die Stadt langsam aber sicher heranwälzt, irgendwann wird das alles eins sein. Keine schöne Vorstellung, denn durch dieses unablässige Ausbreiten menschlicher Siedlungen verschwindet mehr und mehr Natur, wird das Grün zurückgedrängt und endet in kleinen staubigen Inseln. Tumbaco ist so etwas wie ein Rückzugsort begüterter, alteingesessener Familien gewesen. Jetzt reicht es, Geld zu haben. Die Eltern der Verlobten meines jüngsten Bruders hatten ein Abschieds-Mittagessen veranstaltet, da sie am Montag nach Kanada geht. Sie hat eine kleine Computertechnik-Firma, mit der sie dorthin expandieren möchte. Mein Bruder folgt ihr in zwei Wochen. Leben werden sie in Montreal. Es war sehr nett, meine Stiefmutter und meine Stiefschwester waren auch da, und so konnte ich diesen Teil der Familie auch einbeziehen. Es sind die einzigen, mit denen ich keine gesonderten Verabredungen treffe. Ich bin ja nicht hier, um gesellschaftliche Konventionen abzuhaken, sondern um die Menschen um mich zu haben, die mir und denen ich wirklich etwas bedeute(n). So wie am Abend dann, als mich mein Bruder bei meiner Cousine abgesetzt hat. Hier bleibe ich jetzt bis Montag und genieße das trubelige betüdelt werden! Einschließlich sonntäglichem Kirchgang. Na ja, soll mir recht sein, dann kann ich mal wieder ganz vielen wildfremden Menschen Frieden wünschen, das hat was! Und Kerzen anzünden. Irgendwie schon witzig - mit Gott und Kirche habe ich nix am Hut. Aber ich mag diese Rituale! Ich wünsche allen einen schönen, gesegneten Tag!

17.01.2020

Nicht, dass ihr denkt, ich hätte euch vergessen! Bis Dienstag bin ich noch in Quito, dann geht’s zurück zu Mann und Hundekindern. Bis jetzt war es eine sehr schöne und auf emotionaler Ebene erfolgreiche und “nährende” Reise (köstliche Yuca-Brötchen, wunderbar!). Mir geht es so gut, dass ich schon fast ein schlechtes Gewissen habe. Bin ich tatsächlich schwerkrank? Ich fühle mich gar nicht schlecht... es fühlt sich irgendwie so an, als würde ich gegen eine Art "Krankenpflicht" verstoßen, wenn ich hier so glücklich und zufrieden bin... was sich natürlich bald relativieren wird. Denn kaum gelandet, geht es am 23.01. schon weiter mit der Therapie. Antikörper, Chemo... die 13 Tage in Quito sind nur eine kleine Auszeit... aber eine, die mir viel zu denken gibt. Natürlich ist es schrecklich banal, aber so eine Krankheit verändert einfach die Perspektive. Was bedeutet mir mein Leben? Wie stelle ich mir ein Leben vor, das mich glücklich macht? Wobei ich ja bisher nicht unglücklich war, das kann ich nun wirklich nicht behaupten. Nur... war mein Leben bisher auch “rund”? Das einzige, was immer runder wurde, war ich - aber sonst? Viel Nachdenk-Stoff, der hoffentlich in ein paar befriedigende Änderungen oder gerne auch Erweiterungen mündet. Mal sehen! Jetzt muss ich erstmal ein Päuschen machen, heute ist ein schöner, aber müder Tag, ich wollte mich nur mal kurz melden.

21.01.2020

Guten Morgen (“eigentlich” bin ich Biorhythmus-technisch noch sechs Stunden hinter der hiesigen Zeit)! Bin gerade in Paris gelandet, die erste Etappe der Heimreise ist geglückt.

Das Bett bei Airfrance ist nicht ganz so schön wie bei KLM - schmaler und mit einer Spalte zwischen dem Sitz und der Lehne. Aber es ist allemal angenehmer als sich nicht langmachen zu können und im Sitzen schlafen bzw. ruhen zu müssen. Dummerweise musste ich nachts bestimmt vier mal auf Toilette, wofür Airfrance vermutlich nichts kann, denn das Essen war sehr französisch, geradezu delikat. Ich nehme an, dass mir das Ceviche in Arrayanes bei meinem Vater und seiner Frau nicht so gut bekommen ist. Oder das Schinken-Käse-Sandwich am Flughafen... na ja! Bald bin ich wieder zu Hause und meine Darmbakterien können sich wieder einkriegen. 

Hier knallt die Sonne, dass es eine Pracht ist. Ich kann die Fenster per Knopfdruck abgestuft verdunkeln, interessant... kein wie auch immer gearteter Vorhang, sondern eine Tönung der Scheibe. Die wird tief dunkelblau. Während des Fluges ist das automatisch passiert.

So! Der Mobilitätsservice müsste gleich bereit sein - ein Stündchen Aufenthalt im Aéroport Paris-Charles de Gaulle und hui! Ab geht’s zu meinen Lieben!!! Oh, ich freue mich so auf Nikolaus und die Hundekinder! Soooooooo sehr!! Im nächsten Leben möchte ich, dass alle meine Lieben in ein und demselben Ort leben, jawohl! Auf geht’s... bis später!

Buhuuuu! Mein Flug hatte Verspätung, der Pariser Flughafen ist ein Irrgarten, das Sicherheitspersonal ist weit entfernt von Effizienz und das Abfluggate lag am anderen Ende des Gebäudes. Ein Desaster! Ich hätte fliegen müssen, um rechtzeitig da zu sein! Die Frau vom Mobilitätsservice hat sich alle Mühe gegeben, aber da war nichts zu machen! Also habe ich den Flug verpasst. Der nächste geht erst um 20:15 Uhr und kommt halb elf in Hamburg an. Ganz kurz war ich bereit, nicht nur Zeit totzuschlagen... das wird ein heftiger Tag morgen... um neun geht es weiter mit der Behandlung! Jetzt muss ich hier in Paris erstmal vier Stunden Wartezeit in einer etwas uncharmanten Business Lounge rumbringen. Ich weiß, ich weiß, jammern auf hohem Niveau...

25.01.2020

Hallo in die Runde! Ich habe nach der Antikörper-/Chemo-Dosis Donnerstag und Freitag überwiegend schlafend verbracht und Kämpfe ein bisschen mit der Zeit-, Höhen- und Lichtumstellung. Es ist so dunkel hier! Momentan bin ich in der Notaufnahme des Marienkrankenhauses - die Wunde der Port-Implantation will an einem Ende nicht heilen und ist entzündet. Nach zwei Monaten dürfte das aber nicht sein. Da kein anderer Arzt hier tätig werden wollte, komme ich nun dahin zurück, wo das Teilchen eingesetzt wurde. Auch okay - ich hoffe, jetzt gut versorgt zu werden. Ich könnte mich schon wieder hinlegen... um den belebenden Effekt großer Höhe hier in Europa zu haben, müssten wir nach Davos umziehen. Ausgerechnet! Die Stadt des Weltwirtschaftsgipfels ist die höchstgelegene, in der schönen Schweiz mit den günstigen Lebenshaltungskosten... ich fürchte fast, da würde ich mich nicht wohler fühlen als beispielsweise im Allgäu, das ich sehr mag.

So! Da war doch tatsächlich noch ein Nahtmaterial-Knoten, der nicht ordnungsgemäß entfernt worden war! Ha! Ich wusste es!! Jetzt ist er weg und einer guten Heilung steht nichts mehr im Weg, ich bin erleichtert! Körperlich geht es mir ansonsten gut, ich habe, scheint’s, so um die zwei Kilo abgenommen - beim Einpacken der Einkäufe ist mir vorhin mein Ehering vom dünnen Fingerchen geflutscht und der Kassiererin vor die Füße gefallen. Zum Glück hab ich’s gemerkt!!! Ich fühle mich ein bisschen steif, was vom langen Schlafen kommen kann, und bin müde. Das nasskalte Wetter befördert diesen Zustand ungemein. Kein Wunder, dass der/ die gemeine Norddeutsche keine rheinische Frohnatur ist! An der Verfügbarkeit von Alkohol kann es nicht liegen. Ergo: das Wetter lässt es einfach nicht zu. (Das aus der Rubrik “Kulturelle Unterschiede kurz erklärt”). Ich wünsche euch noch einen gemütlichen Nachmittag, drinnen, Im Warmen!

06.02.2020

„Gefühlt“ habe ich lange nichts von mir hören lassen - an sich gibt es ja auch nicht viel zu berichten... das feuchte Klima macht euch sicherlich ähnlich zu schaffen wie mir, es ist ungemütlich und jeder Sonnenstrahl eine Wohltat. Wir sind zurzeit öfter im Heidehaus, die Hunde können sich dort austoben, dass mir das Herz im Leibe lacht - besonders Coco saust durch die Gegend wie ein kleiner Irrwisch! Und eine runde ums Feld ergibt immerhin um die drei Kilometer, die Bewegung tut auch mir gut!

Die Reise nach Ecuador war eine gute therapeutische Maßnahme. Die Genesungschancen werden ja wesentlich mit durch die innere Einstellung beeinflusst! Und die Zeit in Quito war ein enormer positiver Schub! Vorgestern hatte ich einen Termin beim Onkologen - alle zwei Monate lädt er mich zum Gespräch. Termingerecht wurde am 31.01. ein CT meines gesamten Körpers gemacht („Pariser Schema“ heißt das dann, ohne Kontrastmittel), und meine Blutwerte werden sowieso regelmäßig überprüft.

Der Onkologe ist zufrieden mit mir - zwar ist mein Tumormarker-Wert nicht aussagekräftig genug, um die Behandlung zu beurteilen, aber es gibt noch den Wert, der den Knochenstoffwechsel betrifft. Und der besagt, dass sich etwas tut. Und die Tatsache, dass beim am stärksten metastasierten Rückenwirbel die Deckplatte eingesunken ist. Also muss das, was sie vorher an ihrem Platz gehalten hat, weg sein. Es fällt mir schwer, mir dazu ein Bild auszumalen. Aber viele, die Probleme mit der Wirbelsäule haben, kennen wohl das Phänomen. Zum Glück ist der Nervenstrang nicht berührt - denn wenn, würden sich die Schmerzen laut meinem Onkologen auf jeden Fall über die Schmerzmittel hinweg bemerkbar machen. Außerdem habe ich (nach wie vor) eine Fissur im rechten Beckenknochen. Aber alles nicht alarmierend. Solange nichts weh tut ist alles im grünen Bereich. Und ich kann nichts falsch machen, also nicht durch irgendeine falsche Bewegung noch mehr Schaden anrichten. Im Gegenteil, Bewegung bleibt angesagt. Ich werde mich noch um das Yoga-Angebot bei HT16 kümmern (ich glaube, das ist einer der ältesten Sportvereine Hamburgs, ganz in unserer Nähe). Die haben auch Kurse speziell für Krebspatient*innen - ich stelle immer wieder fest, dass diese Krankheit weitaus verbreiteter ist als ich mir das jemals gedacht hätte.

Der Arzt meinte, ich hätte noch ein „südamerikanisches Strahlen“ im Gesicht. Und es ist schön, dass ich die Antikörper-Mittel und die Chemo gut vertrage - die Nebenwirkungen halten sich sehr in Grenzen: Taubheit/Kribbeln in den Händen/ Fingerspitzen, Appetitlosigkeit und ein gesteigertes Schlafbedürfnis, das lässt sich ertragen. Gegen die Übelkeit habe ich Pillen, und mein aufgewühlter Magen-Darm-Trakt kommt langsam wieder ins Gleichgewicht (die ecuatorianischen Bakterien haben für etwas Unruhe gesorgt). Den Gehstock benutze ich nur noch selten, und auch der Rollator kommt hauptsächlich beim Einkaufen zum Einsatz. Wenn das so bleibt, kann ich mich glücklich schätzen!!

Es fehlen jetzt noch drei Behandlungszyklen. Am 13.02. geht es weiter. Nach dem sechsten Mal wird mein Zustand evaluiert und über die weitere Behandlung entschieden. Dann kommt eine Reha, und im Anschluss daran die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben. Wie die dann aussieht, wird zwischen meiner Arbeitgeberin (der Uni), der Krankenkasse und mir vereinbart. Bis dahin habe ich hoffentlich eine tragfähige tägliche Routine entwickelt. daran hapert es im Moment noch. Ich bin so müde, dass ich dauerschlafen könnte. Zum Glück haben wir die Hunde! Die schlafen zwar auch viel (wir schlummern im Rudel), müssen aber trotzdem regelmäßig an die frische Luft. Das tut auch mir gut!

23.02.2020

Mir geht es zur Abwechslung mal nicht so gut. Null Motivation, das weiche, warme Bett zu verlassen. Coco liegt dann meist bei mir... eine kleine, ruhig atmende, wärmespendende Kugel. Sie ist so niedlich, kuschelt sich ganz fest an mich, so süß! Mir fallen ständig die Augen zu, ich bin sooooo müde. Schlafe viel. Versuche, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie meine Zukunft aussehen soll. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, wieder ganztags zu arbeiten, jedenfalls ganz bestimmt nicht von Anfang an. Und wann überhaupt an den Schreibtisch zurückkehren? Im Prinzip kann ich frei entscheiden, was ich tue. Im Moment sieht der offizielle Zeitplan noch zwei Behandlungszyklen vor - die letzte Chemo ist Anfang April. Dann kommen diverse Untersuchungen zum erhofften Erfolg der Behandlung. An Medikamenten werde ich wohl weiterhin das Knochenaufbaumittel und natürlich meine Schmerzmittel bekommen, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich bin auch sehr gespannt darauf, ob die beiden Krebsherde in meiner Brust verschwunden sein werden - oder ob doch noch operiert werden sollte. Wäre doch möglich, oder? Eine Garantie auf Heilung gibt es nicht. Wenn alles gut geht, schließt sich eine Rehabilitationsphase (also eine Kur) an. Und danach die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben. Tja... alles etwas verhalten momentan, ich kann (noch) nichts groß Neues berichten. Aber das ist wohl auch normal - schließlich hat mein bisheriges Leben erst vor lumpigen fünf Monaten aufgehört, das ist nicht viel Zeit. Ich bin mal wieder viel zu ungeduldig mit mir selbst, mein altes Laster.

25.03.2020

Morgen, Donnerstag, 26.03., geht es also los - der vorerst letzte Behandlungszyklus... ich muss zugeben, eine gewisse innere Unruhe verspüre ich durchaus! Was werden die danach anstehenden Untersuchungen ergeben? Natürlich hoffe ich auf positive Nachrichten; zum Beispiel, dass die Knoten in der Brust weg sind; dass die Metastasen in den Rückenwirbeln bzw. im Beckenknochen kleiner geworden oder gar verschwunden sind. Aber gerade dafür gibt es keine Garantie. Ich bin also durchaus auch ein bisschen nervös. Wie wird es weitergehen? Sollte ich nicht langsam anfangen, die Schmerzmittel zu reduzieren? Die Nebenwirkungen jedenfalls machen sich mehr und mehr bemerkbar, kleine eitrige Pickel ausgerechnet im Gesicht (so langsam komme ich mir vor wie ein Teenie!), vorübergehend taube Arme, Hände, Beine; Müdigkeit (na ja, gut, DEN Zustand kenne ich schon länger - vor der Krebsdiagnose wollte ich ja in eine Burnout-Reha, der Antrag war schon gestellt), leichte Übelkeit - ich hangele mich von einem “tief Luft holen, das geht wieder vorbei” zum nächsten. Zum Glück ist das Wetter schön! Saukalt, aber sonnig, und auf jeden Fall schön hell. Und die Corona-Krise ändert zumindest bei mir nicht viel, ich bin schon vorher wenig draußen unterwegs gewesen. Zum Glück habe ich so einen wunderbaren Mann, dessen Gegenwart mich beruhigt und der mich verwöhnt. Ihr dürft ruhig ein bisschen neidisch sein! Aber ich schweife ab. Ich bin gespannt, wie es morgen in der Praxis aussieht (noch mehr Abstand zwischen den Behandlungssesseln?), wie ich den Antikörper-Chemo-Knochenstärkungsmittel-Cocktail vertrage (wahrscheinlich knockt er mich wieder drei Tage lang aus), und überhaupt... am kommenden Montag ist das Gespräch mit meinem Onkologen. Dann sehen wir klarer.

02.04.2020

Nun ist die erste Etappe im Theaterstück meines Lebens - “tschüs, lieber Krebs!” - erfolgreich geschafft! Heute habe ich die letzte Chemo im Rahmen der sechs Zyklen bekommen und sie vergleichsweise gut vertragen. Jetzt stehen drei Untersuchungen an, für die ich noch Termine machen muss: eine Mammographie, eine Computertomographie und ein Herz-Echo. Letzteres ist angezeigt, weil die Chemo-Medikamente das Herz angreifen können und ich hab’ ja nun nicht mehr das allerjüngste, also müssen wir das im Auge behalten. Das CT wird zeigen, wie sich die Metastasen in den Knochen machen; eine erneute Szintigraphie gibt es nicht - sie war nur am Anfang nötig, um die befallenen Knochen besser identifizieren zu können (neben dem rechten Beckenknochen sind ja Wirbel bis hinauf in die Halswirbelsäule betroffen). Und die Mammographie soll natürlich “leer ausgehen” - es wäre wunderbar, wenn die beiden Krebsknoten weg wären!!

Die weitere Behandlung reduziert sich nun auf eine Infusion alle vier Wochen, das nennt sich “Erhaltungstherapie”. Die Behandlung erfolgt mit Herceptin, Perjeta und Vinorelbin, falls das einer/ einem von euch was sagt, und soll ein Jahr dauern (also zwölf mal). Nun rückt die Reha in den Vordergrund. Zwar haben alle Rehakliniken im Moment wegen Corona geschlossen, aber der Antrag kann schon mal in Angriff genommen werden, es dauert ja sowieso, bis die Bewilligung durch und ein Termin gefunden ist. Heutzutage geht ja viel über das Internet, so auch hier. Ich fülle Anträge lieber am PC aus, das geht bei mir viel schneller als alles andere.

So! Das ist der aktuelle Stand der Dinge! Davon abgesehen geht es mir genauso wie euch: Corona bestimmt den Alltag, alles ist viel ruhiger als sonst, das eisekalte Wetter (zumindest hier oben im Norden ist es arg schattig!) drückt mich gnadenlos unter die Kuscheldecke und aufs Sofa, der Kamin wird nicht mehr kalt und im Fernsehen werden Sachen gekuckt, die sonst keine Chance hätten... wir fliehen vor dem vollen Hammer Park und fahren ab und zu mit den Hunden aufs Land. Dort ist es einfach wunderschön, die Vögel lärmen und vermitteln pure Lebensfreude und wir freuen uns darüber, wie Emmi und Coco dort durchs Gelände flitzen und sich austoben. Darüber hinaus gilt: gesund bleiben, das Ende der Corona-Krise abwarten und das Beste aus allem machen!

09.04.2020

Ich berichte mal kurz zwischendurch:

Hier ist alles in bester Ordnung - gestern hatte ich ein EKG-Echo meines Herzens - alles ist gut, die Chemo hat es zum Glück nicht in Mitleidenschaft gezogen. Danach wurde auch die Computertomographie gemacht und es scheint, dass die Metastasen neuer Knochensubstanz gewichen sind, was ein großer Fortschritt wäre. Leider wurde mir das Ergebnis von einem total gestressten Arzt mitgeteilt, der mir das Ergebnis nicht in Ruhe erklären konnte. Er hat sich nicht einmal die Zeit genommen, sich hinzusetzen, und obendrein ging er ans Telefon, während er mit mir sprach. Sehr unsympathisch! Daher bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe. Ich hoffe, dass der Onkologe es mir am 23.04. erläutern kann, er bekommt ja den Befund. Die Ergebnisse zu meinem Herzen sind aber gesichert, die Untersuchung hat eine ruhige, sehr nette Ärztin gemacht. Sie hat mir in aller Ruhe beschrieben, was wir auf dem Bildschirm gesehen hatten. Ich liebe sowas!! Sehen und hören zu können, was in meinem Körper vor sich geht, wie alles funktioniert... das leben ist ein Wunder.

Nun gut - warten wir ab, was der Onkologe sagt. Ich hoffe, er bestätigt meine Annahme, dass alles sehr gut läuft, die Metastasen auf dem Rückzug sind und die Knochen sich regenerieren. Ich danke euch für eure Nachrichten, Gebete und guten Gedanken!

Nichts ist verlorene Zeit - alle Zeit ist Gelerntes
Nichts ist verlorene Zeit - alle Zeit ist Gelerntes

24.04.2020

Heute hatte ich mein Gespräch mit dem Onkologen zum Stand der Dinge: er ist sehr zufrieden mit mir, hurra.

Der “Tumormarker” ist konstant (das ist was Gutes!), d.h. die Chemo war erfolgreich. Die Wirbelkörper sind nicht mehr bruchgefährdet - die Metastasen sind Knochensubstanz gewichen (auch das ist super!). Einziger Wermutstropfen (auch wenn es nichts Neues ist): ich bin nach wie vor krank, und zwar chronisch. Ich kann beschwerdefrei, aber nie mehr im eigentlichen Sinn gesund werden. Damit klarzukommen ist eine etwas größere Aufgabe als zunächst angenommen. Nun gut... das Leben ist, wie es ist! Das bekomme ich auch noch hin - bin ja nicht der erste Mensch, dem sowas passiert, und wer mich kennt weiß, dass ich so gut wie unverwüstlich bin.

Wie geht es nun weiter?

Nächste Woche beginnt die monatliche “Erhaltungstherapie”, ich bekomme keine Chemo mehr und "nur noch" einen der beiden Antikörper. Plus die Spritze mit dem Knochenaufbauzeugs.

Die Schmerzmedikamente reduziere ich (nach und nach). Neu dazugekommen sind Kalzium und Vitamin D, beides hochdosiert. Mein derzeitiger Vitamin D-Spiegel ist quasi nicht existent, da muss dringend nachgeladen werden. Wenn er wieder besser ist, bin ich vielleicht auch nicht mehr ständig erschöpft.

Der Antrag für die Reha ist auf den Weg zu bringen (läuft!).

Mein zukünftiges berufliches Engagement muss geklärt werden (wieviel Arbeitsstunden kann ich täglich zuverlässig liefern?), die Zukunft wird konkreter, gewissermaßen.

 

25.06.2020

Meine Corona-App meldet beharrlich „geringes Risiko“, das klingt doch gut. Wobei ich natürlich andere Menschen meide (zumal welche, die ich nicht kenne), diszipliniert meinen Mund-Nasen-Schutz trage und mir so oft die Hände wasche, dass ich einen auf die Haut geschriebenen Spickzettel von 1982 wiederentdeckt habe (zugegeben, den Witz habe ich geklaut). Ich denke viel an meine Familie, Freundinnen und Freunde, Arbeitskolleg*innen und vermisse dieses Gefühl, in stetem Kontakt zu sein, das mir meine bisherigen Zwischenmeldungen gegeben haben. Dieses „social distancing“ ist ganz schön fies, finde ich. Rein theoretisch war mir schon lange bekannt, dass der Mensch den Kontakt mit anderen Menschen braucht, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell spürbar wird, wenn Treffen und vor allem Berührungen, Umarmungen nicht erlaubt sind.

So. „Butter bei die Fische“ - hier ist also mal wieder ein Update zu meinem Zustand!

Wie es mir körperlich geht? Wie es so schön heißt: Den Umständen entsprechend gut. Wenn ich schwächele, was leider nach wie vor ungewohnt schnell vorkommt, dann setze oder lege ich mich hin. Die Hunde machen mir viel Freude, besonders Coco. Die Kleine wird langsam zum reinsten Wasserhund – seit sie begriffen hat, dass sie schwimmen kann, schmeißt sie sich mit Verve ins Wasser und kommt nicht wieder raus, bis sie das Stöckchen erwischt hat.

Zurück zum Thema: Ich hatte ins Auge gefasst, im Juli Schritt für Schritt zurück an meinen Schreibtisch zu gehen. Gestern waren wir bei meinem Onkologen, der sehr zufrieden mit meinen Fortschritten ist. Allerdings sind wir übereingekommen, dass ich den Wiedereinstieg erst nach der Reha in Angriff nehme – es ist eine Schnapsidee, vorher wieder mit der Arbeit anzufangen. Da der Antrag noch bearbeitet wird und das etwas dauern kann (gerade heute kam die Eingangsbestätigung mit der Post), ist wohl vor September nicht damit zu rechnen. Außerdem habe ich jetzt noch ein neues Medikament dazubekommen, an das ich mich erst gewöhnen bzw. herausfinden muss, ob ich es vertrage. Beziehungsweise zwei. Eins (Zoladex, das ich alle drei Monate als Depotspritze erhalte), das meinen Körper auf „Menopausen-Modus“ umstellt und eins (Letrozol, Tabletten), das meine gesunden Zellen daran hindern soll, zu Krebszellen zu mutieren. Ich muss schon sagen, die Therapie beinhaltet ganz schön heftige Eingriffe in meinen Metabolismus, keine Frage. Die beiden Mittel wurden mir heute verpasst, genauso wie die Antikörper-Infusion. Das Zoladex ist in einer Kapsel, d.h. die Spritze ist dick und gleitet nicht einfach so unter die Haut, sie muss richtig mit Schmackes reingedrückt werden – die Fachkraft hat die Stelle vorher vereist, damit der Einstich nicht so zu spüren ist. Weh getan hat es nicht wirklich, es war einfach nur kurz ziemlich unangenehm.

Ich hatte mein Handy zu Hause vergessen und das einzige, was ich zu lesen dabei hatte, waren die „Waschzettel“… ich bin ja ständig auf der Suche nach Lesestoff, also habe ich meine Pflicht erfüllt - ihr kennt das bestimmt: Beipackzettel sollen ja sinnvollerweise auch gelesen werden… und ich kann euch sagen, die möglichen Nebenwirkungen sind nicht ohne. Und irgendwie schräg, zum Beispiel Gewichtszu- oder –abnahme, beides beim selben Mittel! Das war noch das Harmloseste. Ich hoffe, ich bekomme nichts davon und bin da auch ganz zuversichtlich, denn bis jetzt habe ich die Behandlungen ja gut verkraftet/ verarbeitet. Drückt mir bitte die Daumen, dass es so bleibt!

07.08.2020

Sonnige Grüße aus dem Paradies - ich bin gerade mit einer Freundin in der Heide und genieße die Ruhe. Emmi und Coco sind ob der Hitze zu matt selbst zum Kanu-verfolgen... nur das Wildschwein auf dem gegenüberliegenden Ufer wurde ausgiebig verbellt, obwohl es nur ganz kurz im Unterholz zu sehen gewesen war. Tja, und ich sitze hier im Gartenstuhl, Bauch voll, Beine hoch, und überlege, was ich euch schreibe. Knapp elf Monate ist meine Brustkrebs-mit-Knochenmetastasen-Diagnose her. Zwei nicht tastbare Knoten, die nur auf dem Röntgenbild zu sehen sind. Diverse Flecken auf Rückenwirbeln, bis hoch in den Nacken. Rückenschmerzen, die sich gewaschen haben. Dann die Schmerzmittel - was für eine Erleichterung! Die Chemo, irgendwie unwirklich, Antikörper-Infusion, Knochenaufbaumittel - alles unsichtbar, aber kräfteraubend.

Der seltsame Zustand, krank zu sein und es nicht SEHEN zu können. Mein Krebs macht keinen Ausschlag, die Chemo lässt meine haare nicht ausfallen, ich nehme ein bisschen ab und das steht mir auch gut... nichts deutet darauf hin, dass etwas nicht stimmt. ich merke es nur an meiner Kurzatmigkeit. Dem Muskelkater vom Staubsaugen. Der allgegenwärtigen Müdigkeit. Nach der halben Stunde auf dem Hometrainer und der anschließenden Dusche muss ich mich erstmal legen. Träume wie Spielfilme.

Das nächste Unwirkliche kommt quasi über Nacht: plötzlich herrscht überall Corona-Alarm. Alles wird heruntergefahren, nix Genaues weiß man nicht, außer dass sich eine bisher unbekannte, für Menschen potentiell lebensgefährliche Virusvariante ausbreitet. Wildes Verschwörungsgeraune in den "sozialen" Netzwerken, allabendliche Corona-Brennpunkte im Fernsehen. Horrorbilder aus Italien, den USA und etlichen anderen Ländern. In Quito legen verzweifelte Angehörige ihre Verstorbenen auf den Gehweg, weil die Leichen tagelang nicht abgeholt werden - es sind zu viele, es fehlt an Infrastruktur. An Erfahrung mit Katastrophen mangelt es eigentlich nicht - trotzdem ist kein demokratisches Land wirklich vorbereitet. In China wird zunächst versucht, abzuwiegeln und zu vertuschen. Es sterben immer mehr Menschen am, mit, durch das Virus. China macht die Schotten dicht, Wohnviertel werden eingezäunt, die Bewohner*innen zur Quarantäne verdonnert. Uns hier in Deutschland geht es vergleichsweise gut. In der Tagesklinik herrscht ein strenges Regiment. Keine Begleitpersonen mehr, Maskenpflicht, Händedesinfektion, keine freie Platzwahl mehr. Im UKE muss die ambulante Klinik geschlossen werden, es gibt Corona-Fälle! Gut, dass ich nicht da hin bin. Am Lerchenfeld läuft alles bilderbuchmäßig weiter. Nach sechs Mal ist Ende mit der Chemo. Nur sechs Monate? Mir kommt es viel länger vor, aber Tatsache: es ist erst April. Die Antikörper laufen weiter. Und das Knochenaufbaumittel. Die Blutwerte sind gut, das CT der Wirbelsäule vielversprechend. Alle inneren Organe und das Herz sind in Ordnung, es gibt nichts zu beanstanden.

 

Ob ich die Schmerzmittel weglassen kann? Ich versuch‘s, nach und nach. Und es geht gut, hurra! Wider alle Vernunft und obwohl mein Onkologe unmissverständlich von einer chronischen Erkrankung spricht, schleicht sich immer wieder ein Gedanke ein... mir tut das Kreuz nicht mehr weh, ich kann doch eigentlich wieder ganz gut laufen (wenn es nicht zu schnell und/ oder zu lang ist, klar), die Metastasen weichen neuer Knochensubstanz... „Bin ich jetzt wieder gesund? Kann ich mein normales Leben wieder aufnehmen?“... der Zahn wird mir schnell gezogen. Erstens sollte erst die Reha absolviert sein. (Antrag stellen!!). Zweitens ist die schnelle Rückkehr in Vollzeit-Erwerbsarbeit utopisch, es werden kleine Schritte sein. Und drittens: ich dürfte gar nicht in mein Büro! An der Uni gelten strenge Corona-Regeln, ich gehöre jetzt zur „Risikogruppe“ und da ist das Mittel der Wahl „Home Office“. Ich bin enttäuscht. Zuhause arbeiten konnte ich auch vor Corona schon. Der Witz liegt ja darin, meine Leute im Büro wiederzusehen!!

Die Antikörper-/Knochenaufbaumittel-Infusion vertrage ich gut. Ich bin danach nur müde, nicht so schlapp wie nach der Chemo. Vitamin D und Kalzium ersetzen die morgendlichen Schmerzpillen. Damit lässt sich leben.

 

Und immer noch kein „richtiges“ Gefühl für die Situation... der Termin für die erste Kontroll-Mammographie nach Beendigung der Chemo ist erst Anfang August. Vier Monate Wartezeit! Ein wenig steht mir das bevor, obwohl ich gleichzeitig auch wissen möchte, wie es denn nun in meiner Brust aussieht.

Derweil wird meine Therapie erweitert. Eine alle drei Monate aufzufrischende Depot-Spritze simuliert die Menopause, damit ich Letrozol (ein Hormonpräparat) nehmen kann. Das blockiert „irgendwas“ in „irgendwelchen“ gesunden Zellen, so dass der Krebs da nicht andocken kann. So wischi-waschi hat es mein Onkologe natürlich nicht ausgedrückt, ganz im Gegenteil, der erklärt immer alles ganz genau und beantwortet jede Frage. ICH habe es mir nur nicht genauer gemerkt (im Zweifel weiß mein Mann Bescheid, er ist bei den Arztgesprächen dabei und verarbeitet Informationen anders als ich. Weswegen er auch der bessere Erklärer ist).

 

Hurra, die Reha ist genehmigt, ich kann in meine Wunschklinik auf der Nordseeinsel Föhr! Das ging ratzfatz mit der Bewilligung. Aber (!) es sollen sechs Monate zwischen letzter Chemo und Reha-Beginn liegen. Wieder geht es nicht schnell, wieder muss ich gefühlt ewig warten (bis mindestens Mitte Oktober, wenn nicht sogar Corona-bedingt später) - dabei stimmt das gar nicht. Es ist vielmehr so, dass bis jetzt alles idealtypisch verlaufen ist, auch zeitlich nicht zu beanstanden. Alles ist auf einem guten Weg. Und der ist halt etwas länger als mein ungeduldiges Ich es erwartet. Zack, zack, wieder funktionieren, zurück in das alte, sichere, weil vertraute Leben... doch das ist vorbei, vorbeiheiheiiii (mein neues Mantra).

Und nun ein weiterer Meilenstein. Die Mammographie war letzten Mittwoch. Einer der Knoten ist deutlich kleiner geworden und der zweite (die Ärztin nannte ihn mit Blick auf den ursprünglichen Befund den „aggressiveren“) ist fast weg. Aber eben noch nicht ganz. Da ist also noch was, worum ich mich kümmern muss, ein paar widerspenstige Zellen, die noch nicht aufgeben wollen. „Wir bleiben im Dialog, Freundchen!“, kann ich da nur sagen (und im Geiste die Hand zur Pistole formen und „peng! peng!" machen).

 

Auf die Reha freue ich mich. Ich mag die nordfriesischen Inseln, die Ruhe, die salzhaltige Luft, die farblich so zarte Flora und Fauna. Und ich hoffe, dort in der Reha ein paar Antworten auf meine Fragen nach dem „wohin in Zukunft“ zu finden. Die Vorarbeit leiste ich gerade.

Krebszelle (c) crevis
Krebszelle (c) crevis

17.09.2020

Neuerdings muss ich einen Teil der Medikamente (die Spritzen) selber auf dem Weg zur Behandlung aus der Apotheke holen. Die kleine Schachtel musste aus der Kühlung geholt werden. Was für ein aufwand! Die Apotheke ist im selben Gebäude wie die Tagesklinik, also alles nicht schlimm.

Wir waren vom elften bis sechzehnten September in der sächsischen Schweiz. Anlass war die goldene Hochzeit meiner Tante väterlichseits. Das war sehr schön, vor allem, alle wiederzusehen, auch meine Cousine mit Familie und den Osten Deutschlands überhaupt! Ich kann’s nicht erklären, aber ich fühle mich dort zu Hause, keine Ahnung, warum. Die elterlichen Wurzeln vielleicht?

Nach der Feier sind wir in der Region geblieben und mit den Hunden “gewandert” (mehr oder weniger gemächlich die vorgegebenen, staubigen Routen entlang). Das war total süß - Emmi und Coco sind vorgestürmt wie kleine Bergziegen und dann ist Coco immer nochmal umgedreht um zu kucken, ob ich auch wirklich nachkomme.

Der Waldboden war dick mit trockenen Blättern bedeckt, die bei jedem Lüftchen raschelten und knisterten. Alter Falter!! Was für eine ungeheure Trockenheit. So habe ich Wald noch nie erlebt.

Auf dem Rückweg haben wir in Dresden kurz Station gemacht, auf ein Käffchen bei der Verwandtschaft und einen Besuch im Verkehrsmuseum. Mein Mann war im Museum, ich habe mit den Hunden draußen das Treiben vor der Frauenkirche beobachtet - auch als Übung für Coco, die nicht so gerne in der Stadt unterwegs ist. Zu viele Geräusche, zu viele Gerüche, zu viele Menschen, zu viele Autos, Fahrräder, was auch immer. Einfach alles zu viel. Aber es nützt ja nix, und vielleicht färbt ja doch irgendwann ein bisschen von Emmis relativer Gelassenheit auf Coco ab.

Auf der Fahrt nach Hamburg philosophierten wir über mögliche Gründe für Fremdenfeindlichkeit, Anfälligkeit für EkelhAFD und rechtsradikales “Gedankenschlecht” (an diesem "Gedankengut" ist nichts gut...). Kulturgegensätze. Unterschiede zwischen US-amerikanischer Konsumreligion hüben und russischer, in Mangel eingebetteter Seele drüben. Der Osten ist “deutscher” als der Westen, irgendwie. Schwierig, das ganze in Worte zu fassen.

Wir beschäftigen uns gerade mit dem Thema Rassismus.

Na ja, und nun liege ich nach einer erholsamen Nacht im eigenen Bett (my bed is my castle!) auf dem Liegesessel in der Tagesklinik und schaue der Infusionslösung beim tröpfeln zu... ich finde es immer wieder erstaunlich, dass das funktioniert. Spritzen gibt’s heute auch noch, die sind ein bisschen unangenehm, vor allem die Depot-Spritze, die hat eine mörderdicke Nadel - aber wat mutt, dat mutt!

Ich ertappe mich auch dabei, wie ich mein altes Leben zurückhaben will. Nicht ganz zu hundert Prozent, klar, aber ziemlich viel davon... Krebs, du nervst. Dass du noch nicht weg bist. Das Pieken in den Port ist unangenehm. Den Fremdkörper unter der Haut habe ich nur wegen dir, Krebs. Ich fürchte mich ein bisschen davor, dass die Antikörper allein nicht ausreichen und vielleicht nochmal Chemo nötig wird... dafür gibt es keinen konkreten Anlass, nur... ich hab’s satt. Gut, dass Ende September das nächste Gespräch mit meinem Onkologen ansteht. Da kann ich mich dann beruhigen lassen.

Nein, immer positiv gestimmt zu sein ist nicht möglich. Ich vertraue zwar auf mein Schicksal und das alles gut wird, aber trotzdem... manchmal bin ich es müde.

Krebs ist doof.

Chronisch krank sein ist doof.

Ich werde immer müder... und mache jetzt mal Schluss, mir fallen gerade die Augen zu... bis zum nächsten mal!

P.S.: *NEU*NEU*NEU*

Jetzt gibt es alle drei Wochen Antikörper und die Hormone/ das Knochenaufbaumittel alle vier Wochen. Terminstress... Keine Ahnung, warum. Das werden wir den Onkologen beim nächsten Termin fragen.

13.11.2020

Nachdem ich länger nichts von mir habe hören lassen, kommt heute mal wieder eine kleine vorfreudige Aktualisierung. Übermorgen geht es nach Föhr - Sonntag ist Anreisetag, Montag beginnt die Reha. Einerseits freue ich mich darauf - die Klinik in Utersum steht nur wenige Schritte vom Strand entfernt, die Nordsee finde ich zu jeder Jahreszeit schön, es wird sich um mich gekümmert werden - das ist so ein alter Sehnsuchtspunkt von mir. Womit aber auch das genannt wird, was mir doch etwas zu schaffen macht: Ich werde mich zum ersten Mal in dieser Form mit meiner Erkrankung befassen müssen. Es werden Fachkräfte da sein, die mich von A bis Z begutachten, ganzheitlich unter die Lupe nehmen, mit mir über meinen Zustand sprechen wollen. In dieser Form habe ich das seit der ersten Diagnose noch nicht gemacht. Zumindest ist das meine Vorstellung von bzw. Erwartung an Rehabilitation.

Ich fahre ja nicht in Urlaub, sondern wegen des Krebses dorthin. Eigentlich hatte ich es ganz gut geschafft, diese bedrohliche, schwere Krankheit quasi in so eine Art Zwischen-Bewusstseinsebene zu schieben... vulgo: aus den Augen zu verlieren und diffus vor mich hin zu dümpeln, in aller (ungewohnten) Ruhe nach einer neuen Struktur meines Alltags zu suchen. Das Einzige, was immer an der Oberfläche blieb war das Datum des Reha-Beginns. „Erstmal die Reha und dann schauen wir weiter“ war die Devise. Tja. Jetzt ist die Reha da. Und ich weiß gar nicht, was auf mich zukommt. Und seltsamerweise habe ich so eine kleine, gemeine Stimme in mir, die „jetzt kommt raus, dass du nur faul bist und alles gar nicht so schlimm!“ zischelt. Obwohl mir von allen Seiten (Hausarzt, Onkologe, Ärztinnen und Ärzte anderer, an den Untersuchungen beteiligten Fachrichtungen) klipp und klar immer wieder gesagt wird, dass ich eine schwerwiegende, chronische Krebserkrankung habe, die jederzeit wieder aufblühen kann. Das bedeutet beispielsweise auch, dass die Chemo zwar im April zu Ende gegangen ist, aber eben nicht garantiert für immer. Kann durchaus passieren, dass ein weiterer Zyklus nötig wird. Diese Tatsache irgendwie nicht als "Damokles-Schwert“ abzusortieren, ist schwerer als gedacht.

Gleichzeitig fürchte ich mich davor, dass in der Reha genau das bestätigt wird - die leichten Schmerzen und Im-Rücken-Zwickereien  (alles zu ertragen, weswegen ich nichts dagegen nehme) sind vielleicht doch nicht nur meiner bisherigen Unsportlichkeit geschuldet, sondern Symptome des Krebses. *seufz* Es bleibt (an-)spannend, warten wir‘s also ab...

Meinen Mann und die Hunde werde ich sehr vermissen! Leider können sie nicht in meiner Nähe sein - er muss natürlich arbeiten, und wegen Corona ist sowieso alles dicht (ich habe nach Unterkünften gesucht, keine Chance...). Zum Glück gibt es mittlerweile Videotelefonie! Mein Mobiltelefon wird sich über die vielen Bildschirmküsse wundern...

Ich habe mich seit September auch nicht mit einer Aktualisierung gemeldet, weil ich mich (wie viele andere auch) mit dem Thema Corona herumgeschlagen habe. Es ist nicht so, dass ich direkt Angst habe, aber ich sorge mich schon. Ich habe mich gegen Grippe impfen lassen. Gehe so gut wie nicht aus dem Haus, und wenn, dann mit Maske, klar. Und fühle mich manchmal ein bisschen einsam. Oder diffus depressiv, trotz Sertralin. Mir fehlt einfach die Möglichkeit, Besuch zu bekommen oder selber Besuche zu machen. Und da ich nicht gern telefoniere, ist anrufen nicht wirklich eine Option. Wenn ich niedergeschlagen bin, schreibe ich auch keine Whatsapp-Nachrichten. Ein Teufelskreis! Aber auch das wird sicherlich während der Reha zur Sprache kommen. Tief in mir weiß ich natürlich, dass alles gut wird - das war bisher immer so. Nur der Weg dahin... der ist manchmal so anstrengend.

"Guardar" kann im Spanischen sowohl "behüten" als auch "verstauen/ aufbewahren" bedeuten. Die freundliche Katze hier sagt: "Möge Gott Dich behüten", meint aber "wegpacken", denn sie fährt fort mit "und hoffentlich vergessen, wo!" Ganz mein Humor.
"Guardar" kann im Spanischen sowohl "behüten" als auch "verstauen/ aufbewahren" bedeuten. Die freundliche Katze hier sagt: "Möge Gott Dich behüten", meint aber "wegpacken", denn sie fährt fort mit "und hoffentlich vergessen, wo!" Ganz mein Humor.

22.02.2021

Lang ist's her, dass ich von mir habe hören lassen. Es gab nicht viel zu berichten, mir ging und geht es im Grunde gut - so gut es eben geht mit Krebs. Heute war ich bei der Mammographie.

Dabei kam heraus, dass ein Knoten so gut wie verschwunden ist, das ist natürlich gut. Aber der zweite Knoten ist größer geworden. Jetzt bin ich etwas kleinlaut.

Eigentlich hatte ich ja geschrieben, dass ich mich aus der Reha melde. Auf Föhr war es schön, keine Frage, aber in Sachen Krebs nicht so intensiv wie ich gedacht hatte. Corona hat eben auch da sehr viel Einschränkungen zur Folge gehabt. Wie gesagt, an sich war es gut, es war natürlich schön am Strand, aber alles in allem hat es keinen nachhaltigen Effekt gehabt.

Ich habe zum Beispiel Reha-Sport verschrieben bekommen. Aber leider bietet derzeit niemand Reha-Sport an, jedenfalls nicht während Corona. Der Sportverein bei uns in der Nähe (bei dem ich natürlich sofort angefragt hatte) reagiert überhaupt nicht auf meine Mails. Das ist frustrierend!

Heute habe ich entdeckt, dass im selben Gebäude wie mein Onkologe ein Rehazentrum ist. Dort habe ich nachgefragt, aber sie nehmen während Corona keine neuen Patienten an. Sonst könnte ich online Kurse belegen. Bis wieder weitestgehende Normalität herrscht, werde ich mir wohl anders behelfen müssen. Na ja, es gibt Schlimmeres, aber mich alleine zu regelmäßigem Sport zu motivieren...

Tja, was gibt es noch? Meine Fröbelstern-Sammlung ist mittlerweile sehr umfangreich. Ich flechte eifrig und irgendwie werden die Papierstreifen nicht weniger, ich weiß auch nicht, was das für ein seltsamer Effekt ist. Mir kommt es so vor, als ob ich noch mindestens 100 Sterne in der Pipeline hätte. Ist natürlich auch schön!

Im Moment bin ich mit Emmi und Coco unterwegs, im Freilaufgehege Höltigbaum. Coco ist wie immer ziemlich krawallgebürstet, aber es wird langsam besser. Hier sind so viele unterschiedliche Hunde unterwegs, dass sie lernt, mit allen möglichen Herausforderungen umzugehen. Normalerweise geht sie auf andere Hunde so zu, als wollte sie Ihnen gleich die Ohren zerfetzen. Bis die dann verstanden haben, dass Coco eigentlich Kontakt aufnehmen und toben möchte, ist es meist zu spät, dann haben die oftmals keine Lust mehr.

Gerade kommt es mir so vor, als ob ich immer dasselbe erzählen würde... Natürlich habe ich nur ein Leben und eine Vergangenheit - die Geschichten, die ich erzählen kann, werden zwar mehr (wobei auch das langsamer geht als früher), aber keine anderen. irgendwie bin ich gerade ein bisschen auf der Flucht, hier im umzäunten Hundeauslauf. Ich weiß nicht so recht, was ich mit der Information, dass der Krebsknoten etwas größer geworden ist, anfangen soll. Die aufmüpfigen Zellen fühlen sich ganz offensichtlich noch viel zu wohl in meinem Busen!! Zum Glück konnte ich sehr schnell einen Termin bei meinem Onkologen bekommen, nächste Woche Dienstag war noch ein Plätzchen frei für mich. 

24.02.2021

Eine Momentaufnahme. Kein ausgefeilter Text. Ich weiß auch nicht so recht... Irgendwie bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Nun sitze ich hier in meinem Lieblingssessel, falte Fröbelsterne und spüre in mich hinein. Zumindest versuche ich es. Seit gestern bin ich etwas heuschnupfig - wir waren in der Heide und plötzlich haben meine Augen so furchtbar zu jucken angefangen, dass Nikolaus in das nächste Dorf gefahren ist, um mir Allergiemittel aus der Apotheke zu holen. Mein Held! Retter in der Not! Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass das eine Option sein könnte. Tja. Soviel zum "für mich sorgen"-Können...

Die Nachricht von dem gut sichtbaren Knoten hat mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich habe nicht damit gerechnet, das er größer werden könnte. Das der andere verschwindet, das hatte ich gehofft. Das war ja bei der letzten Mammographie vor einem halben Jahr abzusehen gewesen. Aber das der zweite Knoten so hartnäckig ist... na gut, hartnäckig, das ginge ja noch! Aber er ist ja nicht nur geblieben, sondern auch noch gewachsen. Wobei ich gar nicht so genau weiß, wie groß er denn jetzt tatsächlich ist. Ich habe das Mammographie-Bild nicht gesehen - normalerweise schaue ich mir das immer an, aber diesmal bin ich gar nicht auf die Idee gekommen (was mich ärgert). Jetzt warte ich auf den Befundbericht, ich bekomme eine Kopie mit der Post. Außerdem werde ich das natürlich mit meinem Onkologen besprechen, wenn ich Dienstag bei ihm bin. Nikolaus wird auch dabei sein, das ist mir wichtig. Er stellt Fragen, auf die ich manchmal gar nicht kommen würde, so manches vergesse ich auch. Und er bekommt so einen eigenen Eindruck der Situation, das gibt uns beiden mehr Sicherheit, es beruhigt️.

Beim Phlebologen (vulgo Venenkundler) war ich auch, wegen der Schmerzen in meinem rechten Unterschenkel. Er hat eine Dopplersonographie gemacht, das ist ein Verfahren, bei dem der Arzt mittels Ultraschall die Geschwindigkeit des Blutflusses misst. Diese Methode ist fester Bestandteil in der Diagnostik von Gefäßverengungen, und da ich zu Krampfadern neige und die Schmerzen denjenigen sehr ähneln, die ich damals vor dem Stripping hatte, lag der Verdacht nahe, dass es damit zu tun haben könnte. Er hat aber nichts gefunden, es ist alles in bester Ordnung. Er meinte, es könnten durchaus Nervenschmerzen als Nebenwirkung zu meiner Krebsbehandlung sein. Die Beschwerden treten vor allem nachts auf, manchmal so schlimm, dass ich nicht schlafen kann und nicht weiß, wie ich mich lagern soll. Mein Venenkissen hilft, aber nicht immer. Ich fürchte mich auch davor, Schmerzmittel zu nehmen und damit irgendetwas zu unterdrücken, das eigentlich behandelt gehörte. Oder das, seien wir ehrlich, nur auftritt, weil ich zu wenig gezielte Gymnastik mache. Na ja, mal sehen, was mein Onkologe am Dienstag sagt. Für mich, die ich mein Leben lang so gut wie nie Medikamente eingenommen habe bzw. noch nie vorher regelmäßig (bis auf das Sertralin), ist es immer noch ungewohnt, meinem Körper Antikörper-Infusionen, Knochenspritzen, Hormone, Kalzium und was da noch kommen möge zuführen zu müssen!

SEUFZ... Ich komme aus dem Seufzen gar nicht mehr heraus... Von alledem einmal abgesehen, muss ich abschließend noch Folgendes sagen: Dieses kleine Vieh hier (gemeint ist das Corona-Virus) nervt! Mutanten finde ich nur in Science Fiction-Geschichten okay!! Ich will endlich wieder Besuch haben und selber Besuche machen können. Mir fehlen meine Leute.

03.03.2021

Guten Morgen in die Runde! Liege mit heftigen Kopfschmerzen auf dem Sofa und komme mir vor wie eine Vampirin, weil es mir definitiv zu hell draußen ist. Na toll! Die Sonne lacht, alles super, und mir brummt der Schädel.

Das Gespräch gestern war beruhigend - dass der Knoten größer geworden ist (von 0,6 auf 11 mm), muss kein Grund zur Sorge sein, da alle anderen Parameter im grünen Bereich liegen. Zumindest was meine inneren Organe betrifft, die gestern per Ultraschall untersucht wurden. Ich hatte versäumt, zeitgleich mit dem Gesprächstermin auch einen fürs Labor zu machen, deswegen lagen meine aktuellen Blutwerte nicht vor. Da ich morgen Nachmittag meine Antikörper-Infusion bekomme und dann immer auch Blut abgenommen wird, schaut mein Onkologe sich das dann an und meldet sich. Er geht davon aus, dass der Tumormarker stabil ist. Wir werden sehen! Außerdem habe ich eine Überweisung für ein Kontroll-CT bekommen. Die Lunge soll dann mit kontrolliert werden.

Tja. Das war dann wohl mein “erstes mal Tumorveränderung”. Dass so ein Knoten mal wächst, dann schrumpft, dann wächst... ist wohl nichts Ungewöhnliches. Es muss halt im Auge behalten werden. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier in Deutschland lebe und diese umfassenden medizinischen Möglichkeiten nutzen kann. Mit einer Krankenkasse, die ohne zu murren alles zahlt. Was für ein Privileg. Phänomenal!

Mama llacta - Erdmutter (Künstler*in ist mir leider nicht bekannt)
Mama llacta - Erdmutter (Künstler*in ist mir leider nicht bekannt)

05.03.2021

Hurra, Geburtstag!!

56 ist zwar nicht so eine schöne Zahl wie 55, aber die Alternative zum Älterwerden wäre der Tod, und das kommt nicht in Frage. 57, 59 und 60 werden wieder okay sein. Seltsam, hm? Was für Vorlieben Menschen haben können, nicht nur für Zahlen.

Eine kleine Korrektur zu Vorgestern:

Der Knoten ist von 6 auf 11 mm gewachsen, nicht von 0,6 auf elf. Flüchtigkeitsfehler. Ich werde ihm mit “Love bombing” zu Leibe rücken, diesem anhänglichen Krebs! Meine Antikörper bewusst losschicken, auf dass sie die Krebszellen freundlich, aber bestimmt, zum Ausgang geleiten... die Macht der Vorstellungskraft!! Ich könnte das mal malen...

09.03.2021

Ich bin gerade zurück aus dem Marienkrankenhaus nach meiner Computertomographie und dem Röntgen. Meine Lunge ist bestens in Ordnung! Alles sieht sehr gut aus und die Ergebnisse der Ultraschall-Untersuchung wurden bestätigt: Es sind keine inneren Organe befallen. Und es gibt keine neuen Metastasen, also die Knochen scheinen sich zu erholen (da wo die Metastasen waren). Das sind doch schöne Neuigkeiten! 

17.03.2021

Ich möchte heute mal wieder berichten, nicht von mir, sondern von Emmi. Wir waren gerade in der VetSpezial Tierklinik in Hannover, um abklären zu lassen, wann ihr Tumor operiert werden kann: Kommende Woche Dienstag, den 23.03., um 12:30 Uhr ist es soweit.

Emmi wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ihr linkes Auge einbüßen, da so viel vom Knochen drumherum weg genommen werden muss, dass das Auge hinterher keinen Halt mehr hätte. Das wäre in punkto Lebensqualität für den Hund schlimmer als ein Komplettverlust des Auges. Da sie weiterhin über ihren Geruchssinn, ihr Gehör und ihr rechtes Auge (immerhin!) verfügen wird, kann sie das Fehlen des linken Auges gut kompensieren. Zumindest ist das die beruhigende Auskunft aller bisher beteiligten Ärztinnen. Wir versuchen, uns an diese Vorstellung zu gewöhnen.

Die Veterinärin in Hannover sagte auch, dass solche Tumore keine Seltenheit sind, es also nichts wirklich Ungewöhnliches ist. Trotzdem war und ist es ein Schock, dass unser Hundekind mit gerade mal sechseinhalb Jahren so eine schwere, folgenreiche Erkrankung hat. Wir hoffen sehr, dass sich der Tumor im Nachhinein als “gutartig” herausstellt und keine Metastasen entdeckt werden (aufgrund seiner Lage konnte der Tumor nicht vorab biopsiert werden, wenn ich das richtig verstanden habe). Zurzeit erwischt es uns aber auch von allen Seiten! Bitte drückt unserer kleinen Motte alle verfügbaren Daumen und hoffen wir das Beste!

19.03.21

Sind gerade beim Onkologen raus. Mein "Mitbewohner" hat sich berappelt und zeigt wieder mehr Aktivität in den Knochenmetastasen. Meine Behandlung wird insofern umgestellt, als dass die Antikörper zusätzlich einen Transportauftrag bekommen: ihnen wird ein Chemotherapeutikum mitgegeben, das sie in die Krebszellen tragen sollen. Es ist keine neue Chemo! Nur die Antikörper werden quasi aufgeladen. Es versetzt mich immer wieder in Erstaunen, was heutzutage alles geht.

Ganz wichtig ist dabei natürlich: es gibt keinen Grund zur Panik - diese Entwicklung ist normal. Es gibt immer Zellen, die resistent sind oder werden und übrig bleiben. Denen wird dann mit neuen Maßnahmen zu Leibe gerückt. Nach und nach werden die einzelnen Varianten - im besten Fall - “ausgemendelt”. Mein Onkologe hat uns versichert, dass ich bisher sehr gut auf die Therapie angesprochen habe und der jetzige Befund um einiges später kommt als es die Regel ist (normalerweise kommt diese Phase Monate früher). Ich werde zu Hause mal den aktuellen Befund mit dem vorherigen vergleichen. Das ich eine Metastase im Brustbein habe ist, glaube ich, neu. Aber sonst klang das alles ganz vertraut. Bis auf die Erwähnung zweier Rippenbrüche und dem zusammen mit der Krebsdiagnose damals festgestellten Beckenbruch - alles alt, alles verheilt, das muss alles aus meiner Zeit in Ecuador stammen. Vielleicht kann ich irgendwann einmal eingrenzen, wann das passiert sein könnte (behandelt wurde ich damals weder wegen dem einen noch dem anderen).

Die neuen, aufgemotzten Antikörper bekomme ich ab nächster Woche Donnerstag. Vorher wird auch nochmal mein ❤️ untersucht, ob es da Leistungsveränderungen gegeben hat. Zu Beginn der Therapie, während der Chemo, wurde das erste Herz-Echo gemacht, damals war alles in Ordnung. Ich kann nicht behaupten, hier eine Veränderung wahrzunehmen. Ein Symptom wäre zum Beispiel Atemnot, und darunter leide ich zum Glück nicht.

 

Mein Fazit: nur weil ich keine großen Beschwerden oder Schmerzen habe, heißt das noch lange nicht, dass der Krebs nicht leise vor sich hin werkelt. Ich bin krank. Chronisch krank. Ernsthaft krank. Ich kann nicht einfach wieder zu “schlechten” alten Gewohnheiten zurückkehren. Weniger Kaffee! (Ganz zu verzichten bringe ich noch nicht über mich...), keinen Zucker mehr bzw. sparsamster Einsatz von Süßungsmitteln wie Honig oder Reissirup)... solche Sachen.

Wichtig. Schenkt mir bitte keine Süßigkeiten mehr. Drückt mir weiterhin die Daumen, in welcher Form auch immer (in Ecuador wird das beispielsweise nicht gemacht - da werden stattdessen Zeige- und Mittelfinger einer Hand gekreuzt, wenn dem Glück auf die Sprünge geholfen werden soll). Bleibt zuversichtlich! Irgendwann hat auch Corona ein Ende und dann sehe ich euch hoffentlich mal wieder! Bis dahin “steife ohren”!

Heute hat mir mein Psychotherapeut einen Bericht zu einer Krebs-App gegeben. Ich bin gespannt, ob das eine gute Art Selbsthilfegruppe für mich ist. Wir werden sehen!
20.04.21
ich schreib noch mehr, aber bevor ich‘s vergesse und bevor der handy-akku ganz leer ist (aktuell noch lumpige 3 prozent...):
ob mich die muecken/ gnitzen nicht so ueberfallen wie frueher weil ich wegen des krebses bzw der behandlung nicht mehr schmecke?
beSTECHENDER gedanke, hahahahaaaa!

kleiner scherz am rande. musste sein. mir geht‘s gut. lecker tee, frische luft, natur pur um mich rum, die hunde geniessen es im heidehaeuschen genauso sehr wie ich! coco hat „angebadet“, stoeckchenaus der seeve geholt. ich lausche dem fleissigen specht und dem vogelkonzert. friede. freude. leider keine eierkuchen, darauf haette ich jetzt appetit. mit selbstgemachtem apfelmus. hmmmmm!!!

akku immer noch bei drei prozent. der luegt doch!
zwei! prozent. siehste. geht doch...
ein prozent hab‘ ich noch. die gaense melden sich zu wort. der specht hat wohlfeierabend... ach! nein, doch nicht. klang aber irgendwie leichter. vielleicht hat er nur bei der nachbarin angeklopft. guten tag, frau specht, hier, ein wurm fuer sie, hab‘ ich bei den bauarbeiten an der weide ergattert. nichts zu danken! gruss an die familie!

ich muss mich langsam mal auf den weg nach hause machen.